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Altanatolistik / Assyriologie
Prof. Dr. Jared L. Miller
Fragestellung
In Verbindung
mit dem Thema des Graduiertenkollegs, „Formen von Prestige
in Kulturen des Altertums“, sollen zwei laufende Forschungsprojekte
weitergeführt werden.
Die hethitischen Instruktionen, die allesamt in einem neuen Editionsband
für die Reihe „Writings from the Ancient World“
der „Society for Biblical Literature“ vorbereitet werden,
bieten einen einmaligen Blick in die (beabsichtigte) Struktur
einer hierarchischen Gesellschaft. Sie stellen in dieser
Hinsicht eine einzigartige Textgattung aus dem Alten Orient dar,
die höchstens mit den assyrischen Hof- und Haremserlassen verglichen
werden kann. (Als Vergleich denkt man an die Herrscherstrategie
des Samsi-Adads, der eine Flut von anweisenden Briefen an seine
Untertanen schickte.) Seitens des Königs werden die Aufgaben,
Verhaltenserwartungen, ja auch die Denkweise der Beamten, Priester,
Militäroffiziere usw. des Staates geregelt. Die Instruktionen
stellen aber alles andere als eine homogene Gattung dar. Die Instruktionen
Arnuwandas I. für den Bürgermeister von Hattusa etwa beinhalten
ziemlich penible Anweisungen zum Schutz und zur Instandhaltung der
Stadt, während etwa die Instruktionen Tudhalijas IV. eigentlich
nur versuchen, sich der Loyalität der Edelmänner angesichts
der großen Zahl potentieller Thronanwärter zu vergewissern.
Dabei lässt sich ein Wandel von der Betonung des Schutzes gegen
äußere Feinde hin zum Nachdenken über die innere
Sicherheit durchaus nachvollziehen. Auch der Sitz im Leben, also
welche Kommunikationsprozesse sich in den Texten widerspiegeln,
ist ein Thema, das noch erforscht werden könnte. Obwohl dem
Grad der Anerkennung, welche die Instruktionen und damit auch ihre
Stifter erlangt haben mögen, ungleich schwieriger nachzugehen
ist, wäre eine Durchsicht der Texte, wie z.B. die Briefkorrespondenz
der Würdenträger aus der Provinzstadt Masat oder die von
den Beamten abgelegten Eide, bestimmt ein weiterer viel versprechender
Ansatz.
Auch das Forschungsvorhaben „Die Rolle religiöser
Vorstellungen in der Kriegsideologie, -vorbereitung und -führung
im Alten Orient“ bietet ein breites Feld für
die Untersuchung des Zusammenhangs zwischen Prestige, religiösen
Vorstellungen und der Kriegsführung. Die Verbindung zwischen
religiösen Vorstellungen und Krieg wurde im Rahmen der sog.
monotheistischen Religionen schon öfters behandelt, wobei die
zentrale Rolle, die religiöse Vorstellungen in den polytheistischen
Kulturen des Alten Orients gespielt haben, entweder geleugnet oder
übersehen werden; vermutlich auch teilweise deswegen, weil
keine monographische und nur vereinzelte kürzere Behandlungen
des Themas verfügbar sind. Die Rolle religiöser Vorstellungen
ist aber im Alten Orient allgegenwärtig, in Orakelanfragen,
bei denen der König und seine Offiziere versuchen, Auskunft
über den Verlauf eines Kampfes zu erlangen und dadurch einen
Vorteil zu schaffen; in autobiographischen bzw. apologetischen Urkunden,
in denen der König behauptet, in seiner Kriegsführung
ständig von seiner persönlichen Gottheit begleitet und
geleitet zu sein; in Briefen zwischen Königen, in denen die
Vorstellung auftaucht, nach der Krieg einer göttlichen Gerichtsentscheidung
gleicht; in Ritualen, die dem Zweck dienen, Soldaten vor dem Kampf
von allem Übel und Unheil zu reinigen; und selbstverständlich
in Königsannalen, wo der König seine Kriege z.B. „auf
Geheiß“ oder „mit der Waffe“ einer Gottheit
führen mag oder er die Götter einer Stadt „befreit“,
indem er die Stadt erobert. Auch Kriegsbeute wird nicht nur dankend
an die beteiligten Offiziere und Soldaten verteilt, sondern auch
anerkennend den Göttern bzw. ihren Institutionen überreicht.
Zu untersuchen sind weiterhin Fragen wie: Warum bedarf es überhaupt
der religiösen Begründung? Zielt die Begründung der
Selbstvergewisserung des Herrschers bzw. der Legitimation innerhalb
der Königsfamilie oder doch der Überzeugung der Bevölkerung?
Braucht der König die Götter, um sein Volk zu gewinnen
und zu behalten? Der Bezug zu anderen Fächern ist dabei viel
versprechend, man denke z. B. an eines der Hauptmotive der Bhagavadgita,
nämlich Krischnas Versuch, den Arjuna zu ermutigen und davon
zu überzeugen, trotz seiner Bedenken in den Kampf zu ziehen.
Vorschläge
für Dissertationsthemen
- Die ideale
Gesellschaftsordnung und die alltägliche hethitische Verwaltungspraxis
- Studien
zu den Herrscherstrategien der Könige des (z. B.) altbabylonischen
Mari, spätbronzezeitlichen Hatti und des mittelassyrischen
Reiches
- Hethitische
Herrscherstrategien in diachronischer Perspektive: Studien zu
den Ursprüngen, Entwicklungen und Interpretation der hethitischen
Instruktionen
- Die Aufnahme
von Kulturgütern aus dem hurro-syrischen Substrat in der
hethitischen Großreichszeit
- Syrien als
Objekt der Begierde: Die Auseinandersetzung der Großmächte
über Syrien in der Spätbronzezeit
- Das Totenkult
im syro-anatolischen Raum und die Stellung der Sitte bzw.
Familie in der Gesellschaft
- Legitimation
des Herrschers und seine Kriege durch religiöse Ideologien
im 2. Jts.
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