Alte Geschichte, Historisches Seminar
Prof. Dr. Martin Zimmermann

Fragestellung

Im Rahmen des Kollegs sollen in enger Zusammenarbeit mit Kollegen der Abteilung (PD Dr. Monika Bernett, Denise Reitzenstein, Dr. Christian Ronning, Dr. Werner Tietz) verschiedene Forschungen in einem Projekt Formen des Prestige sozialer Eliten sowie von Städten zusammengefasst werden. Dabei werden jeweils Einzelaspekte der Erlangung, Anerkennung, Vermittlung und des historischen Wandels von Prestige auf unterschiedlichen Feldern antiker Kultur näher betrachtet.
a) So wird im Rahmen eines seit 2005 bestehenden Forschungsvorhabens zur Entwicklung der hellenistischen Städte im östlichen Mittelmeer nun im Hinblick auf das Thema des Kollegs der Frage nachgegangen werden, wie die einzelne Städte über die Neu- und Umgestaltung urbaner Strukturen im Wettstreit der Poleis Ansehen generierten. Hierzu gibt es eine Reihe von Vorarbeiten, die sich auch in Publikationen niederschlagen, die bereits erschienen sind oder im Jahr 2009 erscheinen werden. Ein Promotionsprojekt zur Erforschung der antiken Äolis einer Kollegiatin ist in dieses Vorhaben eingebettet. Von zentralem Interesse ist die Frage, wie die Stadtbilder und urbanen Räume wahrgenommen und entsprechend ausgestattet wurden. Ein von der DFG gefördertes Forschungsvorhaben zur Geschichte der hellenistischen Polis Atarneus, das noch bis zum Jahr 2012 laufen wird, soll in dieses Vorhaben eingebunden bleiben, womit auch den Stipendiaten die Gelegenheit gegeben wird, an archäologischen Feldforschungen teilzunehmen, sofern dies für ihre Arbeiten sinnvoll ist.
b) Im Rahmen eines Forschungsprojekts zu extremen Formen von Gewalt in der Antike soll zukünftig das Hauptaugenmerk auf die antike Kriegserfahrung gelenkt werden. Nach Vorarbeiten zu den warlords der Antike, bei denen der Frage nachgegangen wurde, wie Prestige bei Militärs in staatsfernen Organisationsstrukturen beschaffen ist, soll die Wirkung von Krieg daraufhin untersucht werden, wie militärische Niederlagen und Siege die Stratigraphie einer Gesellschaft verändern und die Parameter von Prestige einzelner Gruppen und Personen beeinflussen. Zu diesem Zweck wird 2011 eine internationale Tagung zum Thema in München stattfinden, in die auch Kollegiaten eingebunden werden sollen.
c) Ferner ist bei der Erforschung des Prestiges von Eliten der griechisch-römischen Welt auch in den kommenden Jahren neben der Anpassung lokaler Eliten an gewandelte äußere Bedingungen in der Peripherie der Frage nachzugehen, in welchem Verhältnis im Zentrum das Prestige des Königs/Kaisers und das Prestige der Aristokratie zueinander stehen. Durch die Berufung von PD Dr. Christian Witschel auf einen Lehrstuhl für Alte Geschichte an der Universität Heidelberg wurden die Arbeiten zur Spätantike vorerst eingestellt, werden aber mit modifizierten Fragestellungen von Franz Alto Bauer (s. o.) fortgeführt.
Herrscherliches Prestige beruhte zu einem guten Teil darauf, die Interaktion bzw. Symbiose zwischen Herrscher und Eliten zu vermitteln und zur Schau zu stellen. Dieser Aspekt soll weiterhin erforscht werden, wobei noch 2009 ein umfangreiches Manuskript zur herrscherlichen Repräsentation für einen von Aloys Winterling herausgegebenen Sammelband zur römischen Kaiserzeit abgeschlossen werden soll.
Ein weiterer Schwerpunkt werden die lykischen Bundespriester sein. Die Frage nach dem Prestige einer Personengruppe und ihrer einzelnen Mitglieder ist paradigmatisch für prosopographische Untersuchungen. Gegenstand einer solchen Betrachtung ist die gesellschaftliche Führungsschicht im kaiserzeitlichen Lykien, deren Exponenten auf provinzialer Ebene die lykischen Bundespriester waren. Jährlich amtierte hier ein Mitglied der Elite in der Funktion des obersten Priesters für den Kaiserkult und zugleich als Präsident über die Vertretung der Provinzialen, also über den lykischen Bund, gegenüber der römischen Provinzialverwaltung und dem Kaiser. Für die Untersuchung des Prestiges dieser lykischen Bundespriester sind traditionell prosopographische Fragen von Bedeutung: In welchem Umfang begünstigte die Herkunft aus bestimmten lykischen Poleis die Möglichkeiten zur Bekleidung des Amtes? Inwieweit trugen der Besitz weiterer Bürgerrechte in lykischen Städten sowie des römischen Bürgerrechts zu ihrem Prestige bei? Welche Möglichkeiten eröffneten diesbezüglich ihre Karrieren und weiteren Tätigkeitsfelder? Welche Bedeutung hatten ökonomisches (Euergetismus), kulturelles (Paideia) und soziales (Familie) Kapital? Wie exklusiv war die Zugehörigkeit zu dieser Gruppe?
d) Das Forschungsprojekt wird ergänzt durch ein Teilprojekt zur Symbolik des Essens in der römischen Welt. Die Untersuchung der Esskultur soll detaillierte Einblicke in den jenseits bloßen Existenzerhalts liegenden Symbolgehalt von Speisen vermitteln, wobei die Funktionalisierung von speziellen Speisen, Gastmählern und Festgesellschaften für die Zuerkennung, den Erwerb und die Widergabe von Prestige im Mittelpunkt stehen soll. Hier zeichnen sich für die zweite Förderphase Möglichkeiten der Vernetzung mit der Sinologie ab, da Th. Höllmann eine Kulturgeschichte der chinesischen Küche bis 2010 verfasst.
e) Während auch dieser Aspekt den Blick noch ganz auf die sozialen Eliten richtet, soll bei der Untersuchung spezieller Formen von Prestige im Judentum auch in der zweiten Förderphase ergänzend eine andere Schicht in den Blick genommen werden. Es handelt sich um jene Schicht, die vom Erwerb größeren Reichtums dauerhaft ausgeschlossen bleibt und daher gruppenspezifisch neue Formen der Anerkennung von Prestige entwickelt. Gegen Reichtum wird Treue zur Tora und daraus resultierend ein Nahverhältnis zu Jahwe postuliert. Kulturelles Prestige erscheint hier (vgl. auch die Ausführung von J.-U. Hartmann, Indologie) im religiösen Gewand. Dies gilt auch für die Formen einer Widerstandstheologie seit dem Hellenismus: Der politischen Fremdherrschaft wird Weisheits- und Bildungssuperiorität gegenübergestellt.

Vorschläge für Dissertationsthemen

  1. Urbane Strukturen in der hellenistischen Stadt. Programm und Wahrnehmung
  2. Städterivalität in der römischen Kaiserzeit
  3. Die Präsenz des Krieges. Kriegserfahrung und lokale Identitäten
  4. Religiöses Prestige und soziale Schichten im hellenistischen und kaiserzeitlichen Judentum
  5. ‘Reinheit‘ in Qumran: Affektkontrolle als prestige- und machtkonstituierendes Kriterium
  6. Wahrnehmung und Reflexion von griechisch-hellenistischem Prestige in Ben Sirach: jüdische Kompensationsstrategien angesichts kulturell differenter Prestigestandards