|
Assyriologie
Prof. Dr. Walther Sallaberger
Fragestellung
Das Thema Prestigewirtschaft
und gesellschaftliches Ansehen im Alten Orient beschäftigte
den Antragsteller in den letzten Jahren intensiv. Die Publikation
des zweiten Teils eines ersten abschließenden Beitrags steht
noch aus (s. dazu den Arbeitsbericht). Dabei wurde nachgewiesen,
dass die Palastarchive sich substantiell von anderen Verwaltungsarchiven
unterscheiden, dass damit der „Palast“ nicht allein
als „großer Haushalt“ (oikos) beschrieben werden
darf, sondern ihm ganz spezifische Funktionen zukommen. Materiell
sind für den Palast die Materialien Silber, Gold (und andere
Metalle) sowie Textilien charakteristisch, hinzukommen Delikatessen.
Auch wenn diese Güter in der gesamten Gesellschaft erscheinen,
so kann sie ausschließlich der Palast in größerem
Maßstab verteilen. Die Empfänger dieser Prestigegüter
wiederum sind diejenigen Personen, die der Herrscher durch das Geschenk
zu persönlicher Loyalität verpflichtet; dieser Personenkreis
ist innerhalb der altorientalischen Geschichte bemerkenswert konstant;
er umfasst die königliche Familie, das Militär, Palastpersonal
und Künstler, aber nicht etwa politische Amtsträger, Priester
oder Verwalter. Diese Berufe partizipieren nämlich an der Verteilung
der primären Ressourcen des Landes (etwa Pfründen, Zuweisung
an Ackerland, usw.). Die Palastwirtschaft stellt sich so als eine
‚Materialisierung’ königlicher Politik dar; der
königliche Schatz wird damit ein Definiens des altorientalischen
Königtums. Die kostbaren Güter, die Handhabe durch den
König und der Empfängerkreis lassen sich so sinnvoll aufeinander
beziehen.
Das im Laufe der Jahre ausgearbeitete Konzept der Prestigewirtschaft
am Palast muss nun auf Einzelfälle angewandt werden, insbesondere
sind die Grenzen des Konzept zu erforschen. Während etwa im
3. Jahrtausend sich mit dem vorgestellten Konzept sehr klar der
Palast in seinem Einfluss vom Tempel trennen lässt (der nie
die Palastgüter verteilen kann), so stellen sich für spätere
Jahrhunderte Fragen wie etwa die Verwaltung von Gold und Silber
in den Tempeln. Inwiefern lassen sich hier in der Zugänglichkeit
des Materials Änderungen in Wirtschaft und Verwaltung erkennen?
Zudem kann das nur an wenigen Archiven erarbeitete Konzept auf andere
Textgruppen angewendet werden. Und schließlich schärft
sich nun der Blick für Differenzen, die im Gefälle zwischen
dem Sitz des Herrschers und anderen Orten liegen, wie etwa der Bindung
der Equidenzucht an das politische Zentrum. Ergänzend zu diesen
Fragen von Eliten und der Verbreitung von Prestigegütern stehen
die Forschungen im DFG-Projekt „Sozialstruktur von Tell Beydar
(Syrien)“ (Leitung W. Sallaberger, Mitarbeiter Dr. Alexander
Pruß), bei dem archäologische und philologische Befunde
einer Stadt der ausgehenden Frühdynastischen Zeit bearbeitet
werden. Die Kooperation von Philologie wie Archäologie steht
auch bei meiner Mitarbeit im ESF-geförderten internationalen
Projekt „ARCANE. Associated Regional Chronologies for the
Ancient Near East“ (Chronologie des III. Jt.) im Zentrum,
wo ich die „Transversal Group 1: History and Epigraphy“
leite (siehe www.arcane.uni-tuebingen.de). An diesem Projekt nehmen
125 Forscher aus 28 Ländern teil, so dass sich in diesem Rahmen
hervorragende Voraussetzungen für eine Förderung von jungen
Forschern ergeben.
Die Definition des institutionellen Rahmens, die mit der Arbeit
an den Palastarchiven gelungen ist, kann auch bei der Erforschung
von Realien weiterhelfen, wo für den gesamten keilschriftlichen
Alten Orient noch Grundlagenarbeit geleistet werden muss. Diese
terminologische Arbeit steht in unmittelbarem Zusammenhang mit dem
Projekt „Sumerisches Glossar zu sumerischen Rechts- und Verwaltungsurkunden“,
an dem W. Sallaberger in Kooperation mit Pascal Attinger (Bern)
arbeitet. Die lexikalische Erschließung von Urkunden impliziert
eine Beschäftigung mit Gütern, Materialien, Arbeitsprozessen.
Nicht nur Kollegiaten, die mit sumerischen Urkunden arbeiten (Schrakamp,
abgeschlossen; Paoletti, laufend), können von den Sammlungen
profitieren, sondern jede(r), die/der sich mit sumerischer Literatur
beschäftigt (Bartelmus, laufend). Die Arbeit am sumerischen
Glossar wird im Zentrum meiner Forschungen bis 2012 stehen.
Für hethitologische Arbeiten ergibt sich hier entsprechend
ein Bezug zu dem am Institut beheimateten „Hethitischen Wörterbuch“
(DFG-Langzeitprojekt).
Als ein weiterer Schwerpunkt hat sich in den letzten Jahren die
Beschäftigung mit Religion und Geistesgeschichte Babyloniens
vor allem aufgrund der ‚kanonischen’ Texte des 1. Jahrtausends
herausgebildet. Hier sind die Artikel im Reallexikon für Assyriologie
zu zentralen den Begriffen „Opfer“, „Pantheon“,
„Priester“, „Reinheit“, „Ritual“,
Aufsätze und Vorträge sowie die Einführung Das Gilgamesch-Epos:
Mythos. Werk. Tradition (2008) zu nennen, Beiträge, die durch
einen Überblick über die Geschichte Mesopotamiens ergänzt
werden (Beitrag im Großen Ploetz). Davon ausgehend ist nun
das Thema "Prestige" auch in der Geistesgeschichte Mesopotamiens
verstärkt in den Blick zu nehmen (laufende Arbeiten von Bartelmus,
Vorontsov). So bildet das Konzept von Prestige, das auf allgemeiner
Anerkennung beruht, gleichzeitig aber Exklusivität beinhaltet,
eine hervorragende Ausgangsbasis, Themen wie die Rolle der Priesterschaft
oder die Tradition von Texten zu bearbeiten. Hier verlassen wir
den engeren Bereich des Sozialprestige und wenden uns kulturellen
Gütern und Praktiken zu.
Vorschläge
für Dissertationsthemen
- Archaismen
in der Tradition der Keilschrift
- Persönliches
Ansehen in altbabylonischer Zeit: Patron-Klientel-Beziehungen
- Wertvolle
Güter: Gefäße und Behälter aus Metall, Stein,
Holz und Rohr nach sumerischen Urkunden
- Das babylonische
Neujahrsfest
- Textilien
am königlichen Palast
- Das Gastmahl
des Königs
|