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Gräzistik
Prof. Dr. Martin Hose
Fragestellung
Mit dem Thema
Die Konkurrenz zwischen Prestigeformen in der archaischen und klassischen
griechischen Literatur soll im Rahmen des Graduiertenkollegs ein
Forschungsvorhaben verfolgt werden, dessen Ziel darin besteht, einen
(hier zunächst hypothetisch charakterisiert als) wesentlichen
Faktor für die Dynamik in der literarhistorischen (und damit
auch mentalitätsgeschichtlichen) Entwicklung des 6. und 5.
Jhdts. v. Chr. zu bestimmen und zu konturieren.
In der archaischen griechischen Literatur hat ein Prestige-Konzept
Geltung, das sich im homerischen Epos formuliert findet und sich
mit Adkins (1960, 154) prägnant auf die Formel bringen lässt:
“The chief good is to be well spoken of, the chief ill to
be badly spoken of, by one's society, as a result of the success
and the failures which that society values most highly.” Aus
Ilias und Odyssee ergibt sich ein Bild einer „shame-culture“,
in der Prestige einer Person (= timé) als Kombination aus
Abkunft, Erfolgen in der Vergangenheit (= kleos) und aktueller Leistungsfähigkeit
(= areté) entsteht. Dieses Prestige-Konzept steht in fester
Verbindung mit einem anthropologischen Denken, das dem Menschen
die Möglichkeit eines festen Wesenskerns zubilligt, der durch
den „Wuchs“ (physis) bestimmt ist und Adlige unveränderlich
zu Adligen, Nichtadlige unveränderlich zu ‚Nichtadligen’
bestimmt. Die sprachliche Gestaltung dieser Denkweise involviert
moralische und ästhetische Kategorien, da der Adlige qua physis
‚gut und schön’, der Nichtadlige ‚schlecht’
(kakós) und ggf. hässlich zu sein hat.
Infolge der (noch immer nicht in wesentlichen Aspekten geklärten)
Kanonisierung der homerischen Epen zu Referenztexten der griechischen
Kultur in der Spätarchaik behielt dieses Prestigekonzept bis
zum 5. Jhdt. seine literarische wie mutmaßlich gesellschaftliche
Geltung, wurde aber aufgrund der dynamischen wirtschaftlichen, sozialen
und politischen Veränderungen im 6. und 5. Jhdt. zunehmend
Druck ausgesetzt. Die Geldwirtschaft (dazu Seaford) erzeugte mit
ihrer Entfaltung eine neue Möglichkeit von gesellschaftlicher
Macht und damit verbunden von Prestige. „Geld, Geld macht
den Mann“ formuliert abwehrend und zeitkritisch-vorwurfsvoll
Pindar (Isth. 2,10/11), und im Corpus Theognideum (V. 1059-62) wird
– im Bruch mit dem homerischen Denken – festgestellt,
dass ‚Schlechtigkeit’ und Reichtum, ‚Tugend’
und Armut verbunden sein können, eine Diagnose, die man zugleich
als Krise der bis dahin gängigen anthropologischen Vorstellungen
lesen kann, wenn festgestellt wird, dass es ‚schwierig sei,
den Charakter vieler Menschen zu erkennen, auch wenn man selbst
weise ist.’
Die mit den Stichworten Tyrannis und Demokratie (so jedenfalls in
Athen) zu bezeichnenden politischen Veränderungen implizierten
weitere Herausforderungen für das homerische Prestige-Konzept;
der Kampf der Aristokraten gegen einen Tyrannen (dies lässt
sich etwa in den Fragmenten des Alkaios erkennen) wurde mit Verweis
auf timé und kleos geführt, die Hetairie als Kampfbündnis
gegen den Tyrannen benötigte augenscheinlich das ‚homerische’
Wertesystem als geistige Infrastruktur. Dem steht gegenüber
die Usurpation des homerischen Modells durch die Tyrannen, wie etwa
die Siegeslieder Pindars oder des Bakchylides für die sizilischen
Tyrannen zeigen.
Bewegt sich das Ringen um Prestige zwischen Aristokraten und Tyrannen
innerhalb des homerischen Rahmens, bedeutet die demokratische Kultur
in Athen einen Bruch. Prestige muss hier anders konstruiert werden,
wie etwa die Kritik an der Demokratie in der pseudoxenophontischen
Schrift ‚Über den Staat der Athener’ zeigt, wie
aber auch aus der Perspektive der Demokratie Aristophanes (etwa
in Acharnern V. 703ff.) demonstriert, der einen vor Gericht scheiternden
Aristokraten zeichnet. Die demokratische Polis, die timé
sichtbar inszenierte durch Ehrungsbeschlüsse, Ehrenschriften
und Ehrensitze (Prohedrien), Auszeichnungen wie die bekannte Speisung
im Prytaneion etc., bedeutete eine doppelte Herausforderung, einerseits
an die Aristokraten, die sich - wie Pindars Epinikien zeigen - an
den großen griechischen Festen ihrer Ehre zu vergewissern
suchten, andererseits an die Dichter des demokratischen Athen, die
in Tragödie wie in Komödie (vom Dithyrambos als „Lied
der Polis“ [B. Zimmermann] sind nur wenige, kaum aussagekräftige
Fragmente erhalten) mit der literarischen (= homerischen) Tradition
zu arbeiten hatten, in der aristokratische Protagonisten vor dem
Hintergrund eines aristokratischen Wertecodex agierten. Während
bei Aischylos nur eine geringe Modifikation des homerischen Prestigekonzepts
zu erkennen ist, nutzen Sophokles und Euripides produktiv die Spannung
zwischen Tradition und Wertegefüge der Polis, Sophokles, indem
er (so sein Selbstzeugnis in Aristoteles, Poetik Kap. 25) das alte
System seiner stratigraphischen Relevanz entkleidet und stattdessen
eine normative Ethik konzipiert, vor deren Folie seine Figuren handeln,
Euripides, indem er die Defizite des alten Systems anhand versagender
Helden (Admet, Jason etc). herausarbeitet und etwa im Herakles (in
der Gestalt des Theseus) den Versuch macht, eine ‚neue’,
demokratische timé zu skizzieren.
Vorschläge
für Dissertationsthemen
- Infragestellungen
des iliadischen Prestigekonzepts in der Odyssee?
- Pindar zwischen
Tyrannen und Aristokraten: Differierende Prestigekonzepte?
- Kleos in
der Aristophanischen Komödie
- Sophokles
und die normative Ethik
- Euripides
und der unheroische Aristokrat - eine Kritik eines alten Prestigekonzepts?
- Thukydides'
Prestigekonzept und seine Sicht auf die heroische Vergangenheit
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