Klassische Archäologie
Prof. Dr. Stefan Ritter, Prof. Dr. Rolf Michael Schneider

Fragestellung

Das Leben in den antiken Kulturen von Griechenland und Rom haben Bilder jedweder Art, Form, Funktion und Qualität entscheidend mitgeprägt: als zwei- und dreidimensionale Artefakte; als architektonische Körper; als häusliche und urbane sowie sakrale und landschaftliche Räume; als Metapher in Sprache und Text. Bilder und die Kontexte ihrer Wahrnehmung waren dadurch in vielfältigster Weise auf Prestigediskurse bezogen, besonders in öffentlichen Räumen und weiter sozialer Stratifizierung. Die dabei greifbaren Prestigediskurse entwickelten sich in immer wieder neuen Brechungen etwa um: das Material (ihm widmete z. B. Plinius der Ältere drei eigene Bücher); die Herkunft (Erwerb, Geschenk, Beute); die dafür notwendige Infrastruktur (Materialerschließung, Verkehrswege, Transport, Werkstatt bzw. Baustelle, Aufstellung, Ausarbeitung); den Träger des Bildes und seine Konzeption; das Thema und den Stil; die Funktion und den Kontext; den Auftraggeber und das Publikum. In diesen weiten historischen Horizont sind die vier Forschungsprojekte der Klassischen Archäologie eingespannt:
1) Vom Material zum Artefakt: Kontext – Wahrnehmung – Prestigediskurs;
2) Bilder des Fremden: Eine Ikonographie für Freund und Feind?
3) Bilder und Texte: Medialität und historische Rekonstruktion;
4) Stadt-Bilder: Formung, Veränderung und Wahrnehmung urbaner Räume.

Während die Vorhaben 1) und 2) dem Erstantrag entstammen und modifiziert weiter geführt werden sollen, wurden die Vorhaben 3) und 4) aus den bisherigen Erfahrungen im GK neu konzipiert. Das erwies sich aus mehreren Gründen als notwendig, einerseits durch den Neueintritt von Prof. Dr. Stefan Ritter, der 2008 nach München berufen wurde; andererseits durch die Wegberufung von zwei ehemaligen GK-Mitgliedern, Prof. Dr. Ralf von den Hoff 2006 nach Freiburg und Prof. Dr. Susanne Muth 2008 nach Berlin (beide auf eine W3-Professur für Klassische Archäologie). In der ersten Phase des GKs kreisten die Fragen der verschiedenen Forschungsvorhaben vor allem um die Prozesse der Generierung von Prestige. Daraus entstand eine nachhaltige Auseinandersetzung mit den theoretischen Grundlagen und historischen Modellen der Prestigeforschung seit Bourdieu, was die kritische Reflektion des methodischen Ansatzes, der leitenden Fragestellung und der historischen Zielsetzung grundsätzlich gefördert hat. Das betrifft auch die solitäre, selbstbezogene Ausrichtung des modernen Prestigebegriffs, der sich gerade nicht über konzeptionelle Gegenpole definieren lässt. Neben expliziten bzw. demonstrativen Prestigefaktoren (wie ökonomischen, sozialen, politischen) kamen daher verstärkt implizite bzw. weiche Faktoren in den Blick, die dem Prozess der Prestigegewinnung in neuer Weise komplementär zugeordnet werden können. Nicht nur im Rahmen von Arbeiten der Klassischen Archäologie konzentrierte sich das Interesse im GK zuletzt zunehmend auf bi- bzw. polypolare Grundlagen menschlicher Verhaltensweisen, sozialer Phänomene und kulturell bedingter Wahrnehmungsformen. In der Klassischen Archäologie richtete sich das Interesse vor allem auf: das Verhältnis von Selbstdarstellung (Herrscher, Bürger) und Fremdenbild (Freund und Feind); das Artefakt in seinem komplexen Zusammenspiel von Material, Funktion und Bild; den Kontext von Werkstatt bzw. Baustelle, Ikonographie und einer davon entscheidend geprägten Wahrnehmung; das Wechselspiel zwischen Thema, Farbe und Ästhetik; spezifische Formen von kulturellem Habitus in Text und Bild; synchrone und diachrone Perspektiven; die Geschichten der Medien im Vergleich zu der Geschichte der Ereignisse. Diese Fragestellungen sollen im zweiten GK-Zeitraum materialnah diskutiert und auf dieser Basis konzeptionell weiter bzw. neu unterfüttert werden. Folglich wird Prestige hier weniger, wie zunächst in der ersten GK-Phase, als vornehmlich (sozial)historischer Zielbegriff eingesetzt, sondern eher als theoretischer Reibungs- und Diskurspunkt für die Formulierung weiterführender geschichtlicher Entwürfe, die über den jeweiligen Forschungsgegenstand ihr spezifisches kulturhistorisches Profil gewinnen.
Das Vorhaben Vom Material zum Artefakt: Kontext – Wahrnehmung – Prestigediskurs fragt danach, inwieweit, auf welche Weise, in welchen Räume und unter welchen historischen Bedingungen das Material (Herkunft, Eigenschaften, Infrastruktur, Herstellung, Farbigkeit, Funktion, Thema, Stil, etc.) von Bild- und Bauwerken dazu beigetragen haben, die Wahrnehmung, Wirkung und Semantik dieser Artefakte zu bezeichnen, zu lenken und zu verstärken. – Kaum eine andere Kultur der Antike hat Bilder des Fremden quantitativ und qualitativ so selbstverständlich den Bildern eigener Götter, Heroen und Menschen gegenübergestellt wie die Kulturen von Griechenland und Rom. Fremden-Bilder sind immer komplexe Spiegelbilder der Kultur, die sie konzipiert, produziert und rezipiert hat. Gefragt wird nach den Strategien einer solchen Selbstbezeichnung, z. B. der Präsenz (seltener auch Absenz) von Fremden in der Selbstdarstellung der Eliten; den Hierarchien bei der bildlichen Darstellung von bzw. der realen Interaktion mit Fremden; ihrer Kennzeichnung durch Verhalten, Physiognomie, Kleidung und Attribute; den ikonographischen Stilisierungen des Fremden, die gleichzeitig beides sein konnten: einerseits Feinde, Unterworfene, Diener und/oder Gabenbringer, andererseits historische, allegorische oder mythologische Freunde, d. h. explizite Identifikationsfiguren. – Die zwei neu aufgenommenen Vorhaben, Bild und Text: Medialität und historische Rekonstruktion sowie Stadt-Bilder: Formung, Veränderung und Wahrnehmung urbaner Räume sollen die Diskussion über die Wahrnehmung, den Raum und die Bewertung von Bildern gezielt ausweiten. Konkrete Projekte betreffen unterschiedliche Formen der Selbstdarstellung von: antiken Herrschern und Eliten; römischen Unterschichten in urbanen Kontexten (ausgehend von sog. ‚Kneipenszenen’ in pompejanischen Wirtshäusern); dem Verhältnis von Körperbild und Anatomie als Ausgangspunkt für neue Überlegungen zu einer historischen Anthropologie der Form; den Darstellungs- bzw. Verhandlungsmöglichkeiten von Emotionen im Bild (z. B. Lachen und Weinen). Hinzu kommen unterschiedliche urbanistische Projekte, die am Münchner Institut für Klassische Archäologie verfolgt werden: in der Türkei Pompeiopolis und Kelainai (beide DFG).

Vorschläge für Dissertationsthemen

  1. Material -Bild - Artefakte
  2. Marmor versus Bronze in klassischer Zeit
  3. Antike Baustellen
  4. Wer waren die sog. Skythen auf der Luxuskeramik des klassischen Athen?
  5. Bilder griechischer und römischer Gabenbringer
  6. Tierbilder: Funktion und historischer Kontext
  7. Orientalische Kulte in Rom
  8. Original versus Replik? Skulpturen in römischen Kontexten