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Sinologie
Prof. Dr. Hans van Ess
Fragestellung
Zentrales Projekt
ist die Herrschaftsrepräsentation und ihre Kritik in den frühen
chinesischen Dynastiegeschichten der Han-Zeit (200 v.Chr. bis 200
n.Chr.) und in der zeitgenössischen Lyrik.
Nach einer Herrschaftszeit von nur 14 Jahren brach 207 v.Chr. die
reichseinigende Dynastie Qin zusammen. Ihr folgte die Han-Dynastie,
die mit einer kurzen Unterbrechung bis zum Jahr 220 n.Chr. über
das chinesische Territorium herrschte. Schon bald nach der Etablierung
der Dynastie stellte sich heraus, dass die Han-Kaiser nicht über
die Mittel verfügten, um das Reich allein zu regieren. Sie
mussten deshalb vom Vorbild der Qin abweichen und Lehnsfürsten
einsetzen, denen sie Territorien zuteilten, innerhalb derer sie
dann bald fast autokratische Macht zu entfalten begannen. Die Dynastie
stellte dies demgegenüber vor das Problem, dass ihr Machtanspruch
eine erhebliche Einschränkung erfuhr.
Nachdem sich die Han jedoch konsolidiert hatten, begannen sie gegen
die Lehnsfürsten vorzugehen. Sie konnten sie zwischen der Mitte
und dem Ende des zweiten Jahrhunderts v.Chr. als Machtfaktor weitgehend
ausschalten. Nun begannen sie unter Kaiser Wu (141-87 v.Chr.) das
Reich nicht nur nach innen zu durchdringen, sondern auch in die
benachbarten Regionen Südost- und Zentralasiens sowie in die
heutigen mongolischen Gebiete zu expandieren. Diese Expansionspolitik
war natürlich mit erheblichen finanziellen Kraftanstrengungen
verbunden.
In der sinologischen Forschung sind die Dynastiegeschichten bisher
viel zu sehr als Steinbruch für historische Daten gebraucht
worden. Dass das zentrale Anliegen ihrer Autoren genau die Frage
nach der Angemessenheit des Aufwands gewesen ist, den ein Herrscher
für seine Selbstdarstellung treiben darf, ist demgegenüber
noch kaum ins Bewusstsein der Forschung gedrungen. An dieser Stelle
setzt das vom Antragsteller zu bearbeitende Forschungsprojekt an:
Es geht darum, die Mittel zu beschreiben, mit denen Kritik an zu
hohem Aufwand in der Geschichtsschreibung geübt bzw. im Zweifelsfalle
versteckt und doch sichtbar gemacht werden konnte. Auch die gegenteilige
Position ist sichtbar zu machen – denn natürlich gab
es auch Nutznießer expansiver Politik, deren Stimmen ebenfalls
noch heute hörbar sind.
In der Han-zeitlichen Dichtung wird das Thema der zeitgenössischen
Kriege kaum direkt angesprochen. Metaphorisch allerdings ist es
allgegenwärtig. Lyrik, die in der Forschung häufig als
„panegyrisch“ beschrieben worden ist, dürfte sich
bei näherem Hinsehen wohl als ebenso kritisch einordnen lassen,
wie dies im im vorliegenden Projekt im Falle der Historiographie
sichtbar gemacht werden soll.
Vorschläge
für Dissertationsthemen
- Exotische
Tiere und Pflanzen am Hof der Han-Herrscher
- Die Geschichte
der Späteren Han (Hou Han shu) des Fan Ye und ihr Pendant,
das Hou Han ji des Yuan Hong
- Uniformen
und andere Statusmarkierungen in der normativen und der deskriptiven
Literatur der Han
- Gäste,
Klienten und ihre Patrone in der Kultur der Han
- Kalenderdiskussionen
und ihre Bedeutung für die Repräsentation der Han-Dynastie
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