Spätantike und Byzantinische Kunstgeschichte
Prof. Dr. Franz Alto Bauer

Fragestellung

Wesentliche Aufgabe der Archäologie, Kunst- und Kulturgeschichte der Spätantike ist es, sich mit Befunden und Bildzeugnissen einer Zeit des Umbruchs auseinanderzusetzen. Mit dem Übergang von der Antike zum Mittelalter sind die Formen innergesellschaftlicher Kommunikation einem tiefgreifenden Wandel unterzogen: es ändern sich die Räume der Repräsentation, wie sich auch die Mittel der Statusdemonstration verlagern: Innenräume, profan wie sakral, gewinnen an Bedeutung, die Kohärenz des städtischen Umfelds hingegen geht verloren. Ephemere Ausdrucksformen scheinen sich zu intensivieren, während andere Kunstgattungen, etwa die Vollplastik, ihr Ende finden. Hinzu kommt eine zunehmende Verabsolutierung und Sakralisierung des Herrschers, dessen übermenschliche Qualität keine Folge spezifischer Leistungen ist, sondern eine inhärente Eigenschaft, die Sieghaftigkeit zur Folge hat. Ferner verändern sich die religiösen Koordinaten. Mit dem Christentum setzt sich nach und nach eine Religion durch, die dem weit verbreiteten Bedürfnis nach individueller Erlösung am besten entspricht und in ihrer Struktur (Heiligenkult, Imperialisierung Christi) auch reale Sozial- und Herrschaftsstrukturen abbildet. Und schließlich haben die Völkerwanderung und das allmähliche Eindringen germanischer Ethnien v. a. in den Westen des Imperium Romanum einen wachsenden Antagonismus verschiedener Wertsysteme im spätrömischen Reich zur Folge.
1.a Gewandelte Voraussetzung für die Gewinnung von Prestige
Damit verändern sich auch die bisherigen Voraussetzungen für die Gewinnung von Prestige, sowohl auf struktureller, wie auch auf politischer und moralisch-religiöser Ebene, zudem aber auch entlang neuer Grenzen ethnischer Zugehörigkeit.
So musste das Verhältnis zwischen Militär, Aristokratie und Kaiser neu verhandelt werden: bestimmte prestigestiftende Repräsentationsformen, vor allem die Verwendung spezifischer Materialien und Insignien, werden exklusive Reservatrechte des Kaisers, und auch das Kaiserbildnis gibt in seiner übermenschlichen Idealisierung kein Vorbild mehr für das Privatbildnis. Eine klare Abgrenzung der Mittel der Kommunikation von Prestige war die Folge: Das kaiserliche Prestige beruhte auf anderen Faktoren (s.u.), zugleich konnte nun der Kaiser durch die Gewährung von Gunst und allseits sichtbaren Privilegien in stärkerem Maß Ansehen verleihen.
Die Etablierung des Christentums hatte in mehrerlei Hinsicht Auswirkung auf die Formen des Prestigeerwerbs, bot v. a. sozial und ökonomisch Benachteiligten bis zu einem gewissen Grad durch religiöses Engagement die Möglichkeit alternativen Prestiges. Dem Laien bot sich durch die Demonstration christlichen Lebenswandels, v. a. aber durch Stiftungen im religiösen Bereich, die Gelegenheit, moralische Überlegenheit zu dokumentieren, zugleich etablierte sich mit dem Klerus ein – mehr und mehr auch politisch-administrativ bedeutender – Stand, dessen Prestige nicht ökonomischer Natur war, sondern auf ethischer Integrität beruhte. Eine Liturgie, die den Klerus mehr und mehr als Mittler zwischen Gemeinde und Gott inszenierte, verstärkte diesen Effekt. Übertriebene Frömmigkeit, Suche nach Gottesnähe und eine Tendenz zur Abkoppelung aus der Zivilisation hatten aber auch Isolation und Eremitentum zur Folge, eine Lebensform, die – jedenfalls vordergründig – auf Nichtwahrnehmung beruhte und konsequenterweise Verzicht auf Prestige bedeutete.
1.b Prestige ohne Ansehen? Prestige vor Gott? Inhärentes Prestige?
Hieraus ergibt sich die Frage, inwiefern die Kategorie des bewussten Prestigeverzichts als Quelle von Prestige in die Diskussion eingeführt werden sollte: Bildquellen und Hagiographie führen uns Heilige immer wieder als Eremiten in demonstrativer Abkehr von Annehmlichkeit, Luxus und Reichtum vor, v. a. aber in temporärer Abkehr von Wahrnehmung, die letztlich aber immer wieder in Beachtung, Verehrung und Heiligkeit mündet. Entsprechend wäre grundsätzlich zu fragen, ob Prestige auf Wahrnehmung durch andere beruhen muss, d. h. im wesentlichen durch den Begriff ‚Ansehen’ abgedeckt wird, oder ob hiermit nicht auch eine Eigenstatusbestimmung zu erkennen ist, die zwischen einem Individuum, seinen religiösen und moralischen Maßstäben und Gott ausgehandelt wurde. Eine Untersuchung des Bestattungswesens und Sepulkralbereichs könnte hier neue Aufschlüsse geben: lässt sich eine stärkere Verlagerung der Repräsentation vom Diesseits auf das Jenseits erkennen? Spielt das Fortleben in der memoria der Angehörigen noch dieselbe Rolle, oder sind Bestattung und Todesvorstellung eher geprägt von einer Abkoppelung aus der innergesellschaftlichen Kommunikation und einer alleinigen Wahrnehmung durch Gott?
Anders – und wieder auf der Ebene sozialer Interaktion – gefragt: Kann Prestige inhärent sein? Kann es ohne ‚Leistungsnachweis’ auskommen? Die Übersteigerung des spätantiken Kaisers in eine sakrale-übermenschliche Sphäre lässt vermuten, dass dem Phänomen des kollektiven Zugestehens von Prestige, der Konstruktion von inhärentem Prestige, gesteigerte Bedeutung zukommt. Das Prestige des Kaisers ergab sich ja nicht aus einer spezifischen Leistung, sondern war an das erhabene Amt gebunden. Das Kaisertum war nicht Folge eines militärischen Siegs, seine Sieghaftigkeit war vielmehr Folge seiner innewohnenden Übermenschlichkeit. Doch sollte diese Inhärenz von Prestige – gerade weil sie auf Konsens beruht – keinesfalls als unabänderbar angesehen werden.
1.c Formen der Konstitution interkulturellen Prestiges
Infolge der Völkerwanderung etablierten sich auf ehemaligem Reichsgebiet germanische regna, gemischt-ethnische Gebilde mit eigenen Herrschaftsstrukturen, die innerhalb des spätrömischen Reichs de facto autonom waren. In der Folge dieser politischen Verwerfungen entstehen komplexe Strukturen gegenseitiger Wahrnehmung. Idealiter bleibt der oströmische Kaiser oberster Souverän; durch Übertragung von Ämtern und Insignien werden die germanischen Könige in die spätrömische Beamtenhierarchie eingebunden. Mit der wachsenden Unabhängigkeit, vor allem aber mit der stärkeren Besinnung auf die griechische Kultur (griechische Sprache) in Konstantinopel entfremden sich jedoch beide Blöcke, wird aus der intrakulturellen Stiftung von Prestige eine interkulturelle Verhandlung von Prestige: Der byzantinische Kaiserhof inszeniert sich als Quelle unschätzbar wertvoller Güter und wird auch so wahrgenommen. Der Kaiser verwaltet nicht enden wollende Reichtümer, sein Repräsentationsverhalten verändert sich: Geschenke werden instrumentalisiert, um zivilisatorische Überlegenheit zu zeigen, monopolisierte Kunsttechnologien werden ausgespielt, Exklusivität spielt eine große Rolle. Das hieraus resultierende Prestige findet bei Angehörigen fremder (zumeist westlicher) Kulturkreise positiven Niederschlag in Bewunderung, in der Anerkennung der kulturellen Vormachtstellung von Byzanz; es findet aber seinen negativen Niederschlag in übertriebenem Wunsch an Teilhaftigkeit, Neid und dem Vorwurf des Blendens und der Korruption.
1.d Negatives Prestige?
Die Spätantike und der Übergang zum byzantinischen Mittelalter bieten somit die Gelegenheit, exemplarisch die allmähliche Entfremdung zweier sich herausbildender Kulturblöcke zu untersuchen und dabei wandelnde Formen von Prestigewahrnehmung zu untersuchen. Hierbei zeichnen sich sehr ambivalente Formen von Prestige ab. Der Grat zwischen Ansehen einerseits und Geringschätzung andererseits scheint sehr schmal zu sein: Bewunderung für Unverstandenes und Exotik kann schnell in die negative Folgewirkung von Prestige umkippen, in Neid. Dieser kann dann umschlagen in bewusster Verächtlichmachung und Stigmatisierung, wie sich das ja für das Verhältnis zwischen mittelalterlichem Westen und Byzanz immer wieder beobachten lässt.

Vorschläge für Dissertationsthemen

  1. Palast und Hippodrom: Formen der Interaktion zwischen Herrscher und Volk
  2. Kleidung bzw. spezifische Trachtelemente als Vermittler von Status in der Spätantike
  3. Das spätantike Bankett
  4. Verfügungsgewalt über Dinge als Prestigeausweis in der Spätantike
  5. Verhältnis von Kaiserbildnis und Privatbildnis in der Spätantike
  6. Reliquienbesitz und Prestige in der Spätantike
  7. Verhandlung von Prestige vor Gott? Bestattung und Tod in der Spätantike
  8. Formen bewußter Negierung von Prestige: Askese und Eremitentum