Vorderasiatische Archäologie
Prof. Dr. Michael Roaf

Fragestellung

Prestige im Sinne der Bewertung von Personen oder Objekten innerhalb einer Gesellschaft liefert in archäologischen Befunden kaum direkte Hinterlassenschaften. Dennoch wurde Prestige indirekt oft durch materielle Gegenstände ausgedrückt. Prestigegüter sind Gegenstände, deren Wert in erster Linie nicht durch rein wirtschaftliche Faktoren, sondern durch ihre gesellschaftliche und kulturelle Bedeutung determiniert ist (z. B. Paläste, Tempel, Streitwagen, Prunkwaffen, Statuen, Reliefs und allgemein kostbare Gegenstände).
In archäologischen Kontexten sind Prestigegüter vor allem durch solche Merkmale erkennbar, die sie im Rahmen des gewählten kulturellen Kontextes als außergewöhnlich charakterisieren. Dies kann unter anderem durch eine aufwändige oder besondere Bearbeitung, den Import des Gegenstandes aus fernen Gebieten oder die Verwendung kostbarer Materialien angezeigt werden. Prestigegüter sind in ihrem kulturellen und sozialen Kontext als exotische Artefakte zu bezeichnen. Das lokale Auftreten in archäologischen Kontexten und die überregionale Verbreitung entsprechender Güter ermöglicht Rückschlüsse auf die gesellschaftliche Stellung einzelner Personen oder Gruppen, die sie besessen haben. Aus archäologischer Sicht ist die Bedeutung dieser Objekte als Zeichen für Prestige eng mit einer Interpretation als Merkmal für sozialen Status, Beruf, kulturelle Moden oder andere gesellschaftliche Prozesse verbunden. Ähnlich wie in der Gegenwart ist auch in den antiken Kulturen eine eindeutige Trennung zwischen diesen verschiedenen Aspekten nicht sinnvoll.
Im antiken Vorderen Orient ist die Herstellung, der Besitz und die Weitergabe von Prestigegütern in der Regel der Elite einer Gesellschaft oder allein dem König vorbehalten, so dass zunächst Resultate zum Verhalten dieser Gruppen erwartet werden können. Einige Artefaktgruppen (z. B. Siegel oder Grabbefunde) eröffnen jedoch die Möglichkeit sich dem „Prestige des Kleinen Mannes“ zu nähern.
Folgende Ausgrabungen und Forschungsprojekte können in das GK weiterhin eingebunden werden:
Die Nordgrenzen von Mesopotamien (Ausgrabungen in Giricano und in Ziyaret Tepe in der Türkei, zusammen mit PD Dr. Andreas Schachner)
Ausgrabungen in Tall Bazi, Syrien, (Grabungsleiter PD Dr. Adelheid Otto und Dr. Berthold Einwag)
Siedlungsarchäologie in Nordiran (eine Deutsch-Iranisches Kooperationsprojekt mit dem deutschen Ansprechpartner Dr. Christian Piller)

Die relevanten Quellen der vorderasiatischen Archäologie beschränken sich in den meisten Fällen auf königliche Denkmäler und Inschriften. Sie informieren uns deshalb vor allen über die Formen, in denen die Herrscher erlaubten, dargestellt zu werden. Diese sind sicher Formen des Prestiges und können anhand verschiedener Kriterien analysiert werden. Sie zeigen, dass Prestige von vielen Faktoren, z. B. Schmeichelei und Terror, religiöser Toleranz und Intoleranz, Belohnung und Bestrafung, abhängig sein konnte.
Meine ersten, vorläufigen Ergebnisse über die Dekoration der Paläste der Assyrer und Perser sind bereits veröffentlicht. In diesen Studien spielen Überlegungen über die Rolle des Prestiges eine wichtige Rolle. Ich werde diese Untersuchungen fortsetzen, um andere Aspekte des Prestiges, wie „Kunst und Krieg“, „der königliche Sonnenschirm“ und „die Darstellung von Feinden als Dämonen“, zu erforschen.

Vorschläge für Dissertationsthemen

  1. Herkunft, Verbreitung, Verarbeitung, Besitz und Weitergabe exotischer Materialien – Zeichen von Prestige?
  2. Städtebau, Palast und Tempel – Prestige der Architektur und des Auftraggebers
  3. Kunstwerk, Auftraggeber und Wirkung
  4. Geschenke und Tribute – Zur Wechselwirkung von Geben und Nehmen
  5. Das Prestige der frühbronzezeitliche Palastbauten
  6. Die Rolle der Vorderasiatischen Archäologie im nationalen und internationalen Wettbewerb über Prestige (im 19. oder 20. Jh.)